Wonder Woman (2017)

"Wonder Woman" - 2017 - Action, Adventure, Fantasy
"Wonder Woman" - 2017 - Action, Adventure, Fantasy

IMDB

Regie: Patty Jenkins - Drehbuch: Allan Heinberg

Besetzung: Gal Gadot, Chris Pine

Haken wir schnell alle negativen Aspekte ab, damit wir danach ungestört diesen überwältigenden Film abfeiern können. 

Also: Die Storyline ist nicht ganz flüssig und gemessen am komplexen Rahmen der Geschichte (Amazonen + Griechische Götter + Erster Weltkrieg) kommt sie einem im Nachhinein sogar ein bisschen simpel vor. Drei große Kapitel bleiben im Gedächtnis hängen: Die Einführung auf der Insel der Amazonen, der Aufenthalt in London als Vorbereitung auf die große Schlacht und schließlich die Westfront im belgischen Niemandsland mit großem Showdown.
Insgesamt ist alles ein wenig vorhersehbar - einige Klischees hätte man auch weglassen können. Die Widersacher nerven am Ende ein wenig. 

Das alles schieben wir jetzt lässig bei Seite. Denn dieser Film ist super

Das kleine Amazonen-Mädchen Diana wächst wohl behütet als einziges Kind auf der geheimen Insel der Amazonen auf. Schon früh nimmt sie sich die alten Sagen ihres Volkes zu Herzen und glaubt fest daran, dass der Gott des Krieges Ares eines Tages zur Erde zurückkehren wird, um das Böse im Herzen der Menschheit zu wecken und dass es die Pflicht der Amazonen ist, ihn zu besiegen. 
Von Tag zu Tag wächst ihr Kampfgeist und ihre Kraft - sie wird zu einer der stärksten Amazonen überhaupt ausgebildet. 
Das Leben, wie Diana es kennt, endet, als der Krieg ihre idyllische Welt einholt. Ein Flugzeug durchbricht den Schutzschild und verunglückt nah am Ufer, der Pilot ist britischer Soldat und Spion (Steven Trevor gespielt von Chris Pine). 
Seine Berichte vom Krieg aller Kriege erschüttern sie nachdrücklich und geben ihr die Gewissheit, dass Ares zurück ist und sich ihr Schicksal nun erfüllt. Sie folgt Steven nach London und nimmt ihm das Versprechen ab, sie an die hart umkämpfte belgische Front zu bringen, an der sie Ares vermutet. 

Der Optimismus und der Tatendrang, den Diana zu Beginn ihres Weges versprüht bleibt im Gedächtnis. Sie ist überzeugt, dass ein Sieg über Ares die Kriegsparteien auf einen Schlag versöhnt und das Böse ein für alle Mal von der Erde verbannt werden kann. Schritt für Schritt merkt sie, dass ihre Vorstellungen von der Realität nicht bestätigt werden. Die romantisierte Idee vom Krieg für das Gute, den die Alliierten voller Kampfgeist und Opferbereitschaft gegen das deutsche Kaiserreich führen wird schnell entzaubert. Die leeren Augen der kriegsversehrten britischen Heimkehrer zeigen Diana  und dem Zuschauer die unumstößlichen Konsequenzen von Krieg und Zerstörung. An der belgischen Front wird außerdem klar, dass dies ein Krieg der nächsten Generation ist. Nichts ist übrig vom Kampf „Mann gegen Mann“, der durch individuelle Klasse und taktische Manöver entschieden wird. Hier gewinnt, wer mehr Waffen besitzt, zielgenauere Raketen, mehr Reichweite, um die gegnerischen Schützengräben in hunderten Metern Entfernung zu treffen. 

Die wichtigste Erkenntnis trifft Diana am härtesten und rührt sicher auch den politisch interessierten Zuschauer: Der Mensch an sich wird nicht von einer äußeren Macht zum Bösen angetrieben. Er ist selbst verantwortlich - wir sind selbst verantwortlich - für all das Leid und die Katastrophen der vergangenen Jahrhunderte, bis heute. Wir sind eifersüchtig, misstrauisch und grausam, ebenso wie wir einfühlsam, fürsorglich und selbstlos sind. Jeder einzelne muss tagtäglich entscheiden, was und wer er sein will. 

Diana steht dieser Entscheidungsfindung, stellvertretend für alle Götter, machtlos gegenüber und wird gezwungen ihre ganz persönliche Wahl zu treffen. 

Harte Themen, die einen weiteren Schwerpunkt fast in den Hintergrund rücken: Denn natürlich gilt Wonder Woman mehr als jede andere Superheldin als Symbol für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Diana kann als gelassene Ikone eines entspannten Feminismus in die Geschichte eingehen. Mit Unverständnis und Schulterzucken begegnet sie der alltäglichen Ablehnung und dem Misstrauen, welche ihr auf Grund ihres Geschlechts entgegengebracht werden. Sie marschiert einfach drauf los und zieht ihr Ding durch, ist selbstbewusst, standhaft und ehrlich. Sie lebt damit bereits in einer neuen Zeit und ist nicht bereit die Uhr zurückzudrehen, um den Männern ihrer Zeit eine Pause zu gönnen. 
Und wie cool ist es bitte, dass Diana von DER Galionsfigur weiblicher Gleichberechtigungsbemühungen schlechthin trainiert wird? Robin Wright aka Claire Underwood. 


Fazit:
Wer eine actiongeladene Heldengeschichte aus dem Konglomerat DC/Marvel sehen möchte, kommt hier komplett auf seine Kosten. Wir haben die Actionszenen nicht besprochen, weil es rundum nichts zu beanstanden gibt. Wuchtig und einprägsam sind sie allemal.  
Wer jahrelang auf eine charakterstarke, feministische Superheldin gewartet hat, kann sich außerdem lächelnd zurücklehnen und die Suche als vollendet betrachten. 
(9/10)



Arrival (2016)

"Arrival" - 2016 - Sci-Fi, Drama
"Arrival" - 2016 - Sci-Fi, Drama

Diesmal gibt es das Fazit schon gleich zu Beginn. In diesem Blog-Universum gibt es fast keine höhere Auszeichnung als ein freudiges „Ich will mehr davon!“. Während 2016 nicht viel Grundlage für den Ausruf bot, ist es wenigstens zum Jahresende noch einmal gelungen.

Arrival hätte einer dieser Alien-Filme werden können, deren Handlung wir mittlerweile im Schlaf runterbeten - eine dunkle Bedrohung am Himmel, Kriegszustand und Katastrophen auf der Erde, ein Vater versucht verzweifelt seine Familie im Chaos zu beschützen - wahlweise entsteht eine persönliche Bindung zu den Neuankömmlingen, die gegen den Aktionismus des Militärs und die allgemeine Dummheit des Menschen verteidigt werden muss. 

All diese Elemente weist der Film durchaus auf, doch er streift sie nur ganz sacht am Rande und kreiert damit ein wohltuendes Gefühl des Realismus für alle Alien-Action-müden Kinogänger.

Sie lernen die Protagonistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) kennen. Eine Linguistik-Expertin, erschöpft und geschafft vom Leben als Dozentin - weder jung noch alt - mit einer pragmatischen Begeisterung für ihr Fach.
Die Regierung konsultiert sie frühzeitig, als zwölf Muschel-ähnlichen Schiffe auf der Erde auftauchen und erste Kommunikationsversuche scheitern. Gemeinsam mit dem Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) wird sie den außerirdischen Besuchern vorgestellt und baut schrittweise eine Form der Verständigung mit ihnen auf. Geklärt werden soll die wichtigste Frage: Was wollt ihr hier auf der Erde? 

Arrival zeigt durch sein gesamtes Setting eine selbstbewusste Unabhängigkeit von Genre-Klischees. Gelandet ist das Schiff in den USA nicht über Manhattan oder Washington sondern in den Weiten Montanas. Die Soldaten, Kommandanten und Experten finden sich mit ihren Besuchern allein inmitten grüner Berge - Abgeschiedenheit als Quelle der Inspiration.
Der Soundtrack führt an manchen Stellen regelrecht durch die Handlung und setzt markante Höhepunkte - während er im nächsten Moment gefühlvoll im Hintergrund bleibt und den herausragenden Hauptdarstellern das Feld überlässt.
Am Ende merkt der Zuschauer, dass es um viel mehr ging, als die Frage "Was wollen die bloß auf der Erde?". Viel wichtiger ist "Was wollen wir hier auf der Erde?" und was machen wir mit der Zeit, die uns bleibt?

 

Fazit:
Der Text endet, wie er begonnen hat: "Mehr davon!" Der Film bietet durchaus Stoff für eine ganze Serie - vielleicht findet sich in 10 Jahren ein begeistertes Produktionsteam von HBO und schlägt zu. Man kann es sich nur wünschen, denn es gibt wenig Filme, die einen heute überraschen, neugierig machen, rühren - und all das noch mit Aliens kombinieren.

(8/10)


Steve Jobs (2015)

"Steve Jobs" - 2015 - Biography, Drama
"Steve Jobs" - 2015 - Biography, Drama

Für wen:

Menschen die sich gerne in ambivalente Charaktere stürzen, brillanten Dialogen nicht abgeneigt sind. Eine halbwegs offene Einstellung zu Apple ist sicher auch eine gute Voraussetzung.  


Sollte es einem zu denken geben, dass enge Vertraute und Verwandte von Steve Jobs diesen Film verhindern wollten? 

Nun, einen kurzen Moment waren wir skeptisch. Jetzt könnten wir nicht glücklicher sein, dass wir uns dennoch ins Kino gesetzt haben, um diesen Film zu sehen - der so simpel und anders ist als alles andere in diesem Jahr. Zudem hat ein Spiegel Online Interview am Wochenende noch einmal die gute Beziehung zwischen Jobs und Drehbuchautor Sorkin untermauert. Das hat uns nachträglich ein noch besseres Gefühl gegeben. 


Im Film begleiten wir Steve Jobs durch die 80er und 90er Jahre seines Schaffens. Eine Zeit die schwer greifbar scheint, aber turbulente Meilensteine seines Lebens widerspiegelt. Nur drei Momente bilden dem Rahmen für dieses Stück. Wir sehen die letzten Minuten der Vorbereitungen vor drei großen Keynotes: Macintosh, Next und iMac. 

Hier entspinnt sich Konflikt um Konflikt. Die Nerven liegen blank, Entscheidungen warten. Eine Stimmung, so angespannt und dynamisch, gleichzeitig eine Ruhe vor dem losbrechenden Sturm. Ein Moment vor dem Absprung, in dem Beziehungen und Erinnerungen verwoben werden und uns einen kleinen Einblick in die Welt eines spannenden Charakters erlauben. 


Jobs ist längst nicht auf dem Zenit angelangt. Im Grunde ist er ein Gescheiterter und ein Suchender - der seine Ziele aber immer schon kennt (zu kennen glaubt). Mit einer bestechenden Überzeugung seines eigenen Geistes stellt er erwartungsgemäß seine Mitmenschen vor große Herausforderungen. Doch wir sehen auch, wie er sich selbst überlistet, in den Momenten in denen das Tatsächliche nicht zu innerem Schema und Überzeugung passt. Ein Genie, dass seine eigene Welt erschafft.

 

Michael Fassbender zeigt, wie vorab schon zu hören war, eine tolle Leistung. Wir heften uns an seine Gesichtsausdrücke seine Ungeduld, Wut und Begeisterung. Man glaubt diesen Charakter zu kennen. Zu wissen, was er tun/entscheiden/sagen wird, doch sitzen wir auch wie faszinierte Zuschauer vor dieser Geschichte eines genialen Menschen mit dunklen und hellen Seiten. 


Im Schlagabtausch mit seinen Co-Stars entfalten sich wundervolle Gespräche. Seth Rogen zeigt uns Steve Wozniak als empathischen Nerd, der naiv und verdutzt durch Jobs’ Geniestück läuft und seine Verwunderung nie verbergen kann - wie hat er es bloß so weit geschafft? 

Mentor John Sculley (Jeff Daniels) bringt den besten Dialog des Films, der Jobs’ Verletzlichkeit und Enttäuschung noch Jahre nach dem vermeintlichen Verrat zum emotionalen Höhepunkt des Films macht. 

Und Kate Winslet: Eine relativ erwartbare Rolle als Marketing Executive und enge Vertraute Joana Hoffman, die als einzige im Film regelmäßig zu Jobs durchzudringen scheint. Doch mehr als die verlässliche Assistentin ist sie ein Partner auf Augenhöhe - selbstbewusst, mitfühlend und manchmal voller Ärger über diesen verkopften, getriebenen Mann. 


Fazit:

Wir wandern in Steve Jobs immer entlang der wegweisenden Entwicklungen, die ihm zu dem Mythos verhalfen, der ihn noch heute umgibt. Laien erfahren viel über die Anfänge und groben Strukturen der damaligen Apple Inc. - heute wertvollstes Unternehmen der Welt. Für alle ist es ein Stück Geschichte, dass hier wieder aufbereitet wird. Auf unglaublich liebevolle Art und Weise. Das Ende gerät etwas abrupt, ohne Konklusion, aber was war im 1998 auch schon zu Ende erzählt? 

Ein Film der einen absolut einfängt. 

(9/10)